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Zusatztexte zu Heft 2/2015

 

Die sieben freien Künste oder alles ist eins         von Carin Schreiber-Müller

Tanz ist in allem Lebendigen                von Shakeh Major Tchilingirian


Die sieben freien Künste oder alles ist eins           von Carin Schreiber-Müller

Welche sind eigentlich die sieben freien Künste? Irgendwie klang dieser Begriff für mich immer nach etwas Geheimnisvollem, Unbekanntem aus dem Mittelalter, manchmal figürlich auf Kathedralen dargestellt. So genau wusste ich nicht, wer oder was das war und warum sieben? Müssten es nicht mehr sein und ganz andere Kategorien, wenn sie doch gleichzeitig alles umfassen sollten?

Deshalb wollte ich das Kapitel aus dem Buch „Chartres“ von Michael Ladwein gern rezensorisch übernehmen und wurde auch mit meinen Fragen fündig. Das Ergebnis nehme ich einmal vorweg. Tatsächlich müsste man heute noch einige Künste hinzunehmen, so wie wir auch z.B. unser Wissen von den Planeten erweitern mussten. Kannten wir bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur sieben, so sind es inzwischen zehn geworden, und vielleicht wären es jetzt auch zehn Künste. Könnte es vielleicht sein, dass sich unser Bewusstseinsradius in allen Bereichen parallel erweitert und die Zehn jetzt für einige Zeit die Bedeutung der Sieben als Vollständigkeit einnimmt? Das wäre eine spannende Hypothese, und vielleicht wäre auch diese nur vorübergehend.

Nun aber zu den Sieben Freien Künsten, so wie wir den Begriff heute verwenden und wie sie in Chartres dargestellt werden: da gibt es zum einen die philologischen Disziplinen des Triviums (Dreierweg), als da sind die Grammatik, die Rhetorik und die Dialektik (auch Logik genannt), also die mit dem Wort in Zusammenhang stehenden Lehren und das Quadrivium (Viererweg) der Künste Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie (Sternenweisheit), die allesamt auf dem Mysterium der Zahl aufbauen. In den mit dem Wort verbundenen Lehrfächern wurde die Kunst der Rede, Diskussion und Denkfähigkeit geübt, die antiken Poeten, Ausdruck und Stil studiert. Das Wort, das griechische „Logos“ war ein viel bedeutsamerer Begriff als für uns heute. Durch das Wort Gottes entstand die Schöpfung, die Sprache hatte Bezug zum Kosmos, die Konsonanten zum Tierkreis und die Vokale zu den Planeten. Die Zahlen waren von pythagoräisch-platonischem Geist durchdrungen, waren Persönlichkeiten und hatten bedeutenden Einfluss auf die Architektur der Kathedrale in Chartres. Nicht zuletzt brachte man die Sieben Freien Künste mit den Planetenkräften in Verbindung. So ordnete sie Basilius Valentinus im 15. Jh. zu:

Grammatik – Sonne
Rhetorik – Jupiter
Dialektik – Mond
Arithmetik – Merkur
Geometrie – Mars
Musik – Venus
Astronomie - Saturn

Die Sieben Freien Künste kamen ursprünglich aus der Tempelweisheit Ägyptens, ihre Bezeichnung findet sich erstmalig bei Cicero, der sie „eines freien Mannes würdig“ nennt. In der Apostelgeschichte (7,22) ist Moses „in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet“, worunter der spätantike Gelehrte Cassiodor (6. Jh.) die volle Kenntnis der Sieben Freien Künste versteht. Über Memphis, Athen, Rom brauchten sie eine lange Entwicklungsstrecke bis zu ihrer Blütezeit im 12./13. Jh., für die Namen wie Clemens von Alexandria, Origines, Augustinus stehen. Gerade auch in Chartres erlangten sie eine besondere Bedeutung. Ihre bildhauerische und literarische Darstellung wurde inspiriert durch das Buch des heidnischen Schriftstellers Martianus Capella (Beginn des 5. Jh.s): die „Hochzeit Merkurs mit der Philologie“ , in dem er die Künste bei jener Hochzeit als weibliche Personen auftreten lässt, die ihr Lehrwissen als Hochzeitsgaben ausbreiten.

Doch bereits in ihrer Blütezeit, einer Zeit tiefgreifenden geistigen Umbruchs, wurde dieses Schema als zu eng empfunden; so schreibt Thomas von Aquin, dass „die sieben Künste eine nur ungenügende Einteilung der theoretischen Philosophie darstellen“ und es ergeben sich andere Einteilungen in Philosophie, Ethik und Theologie einerseits sowie Physik, Medizin, Rechtskunde und – in der Renaissance sogar die Perspektive als selbständige 'achte Kunst'. Ausgelöst wurden diese Entwicklungen zum einen durch die enorme Erweiterung des Wissens aufgrund von  medizinischen und naturwissenschaftlichen Übersetzungen aus dem arabischen Raum, zum anderen durch die aufkommende Scholastik.

Es muss sich um ein ungeheures Wissensgut gehandelt haben, das aus Salerno (Medizin), Bologna  (römisches Recht) und Paris (scholastische Theologie) hereinströmte, den großen geistigen Fortschritt des Abendlandes brachte und zur Errichtung von Universitäten führte. Die  Einheit der „heiligen sieben Künste“ wich schließlich der Einteilung in die zwei Kulturen von Natur- und Geisteswissenschaften, die bis in unsere heutigen Tage gilt; lediglich in der Kunst spricht man noch von den Freien Künsten.


Zusammenfassung des Kapitels über Die Sieben Freien Künste aus:
Chartres von Michael Ladwein ISBN 3-8251-7135-3

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Tanz ist in allem Lebendigen                von Shakeh Major Tchilingirian

Tänze der urzeitlichen Menschen drückten die Einfachheit in ihrem Leben aus. Als die menschliche Zivilisation sich weiter entwickelte, wurden Musik und Tanz weiter verfeinert als Ausdruck von Gedanken und Gefühlen. Musik und Tanz sind integraler Bestandteil tiefer menschlicher Spiritualität. So fragte Komitas, der berühmte armenische Musikwissenschaftler und Komponist vor hundert Jahren: „Ist nicht das Leben des gesamten Universums ein Tanz?“ Nach seinen Reisen zu hunderten von Dörfern und Städten, in denen er tausende von Volksliedern gesammelt und abgeschrieben hatte, kam Komitas zu der Erkenntnis, dass „Tanz in allem Lebendigen ist.“

Vor kurzem habe ich diese spirituelle Kraft des Tanzes während der „Meditation des Tanzes“ mit Heidi Hafen erlebt. Obwohl ich die Anleitungen, die in Deutsch gegeben wurden, nicht ganz verstanden habe und wirklich nicht wusste, was erklärt wurde, versenkte ich mich instinktiv in die Bewegungen und in die Musik. Ich ahnte nicht, dass ich gleich einen Tsunami an Freude, Schönheit, Harmonie und Verbundenheit mit dem Kosmos erfahren würde – mit dem ganzen Universum, wie Komitas feststellte. Die Erfahrung mit „Meditation des Tanzes“ versetzte mich tief in die „Heilige Reise“, auf der ich mich seit vielen Jahren befinde: Meine Reise, Tanz auf der Bühne zu zeigen und zu unterrichten, wobei diese künstlerische Pilgerreise, die ich mit anderen teilte, immer in einem „heiligen Raum“ stattfand.
 
Die „Meditation“ verstärkte diesen Sinn für das Heilige in mir in einer Weise, die instinktiv, spontan und unbewusst war. Die Form, die Sprache der Bewegung, die Ausdrucksweise und die gemeinsamen Themen, wie „Sonnentanz“, „Achtstern“, „Rose“ und „Eirene“ hinterließen ihre Eindrücke in meinem Herzen, Verstand, Körper und Seele. Wenn mein Körper sich an diese Tänze erinnert, fühle ich inneren Frieden und eine vollkommene Verbundenheit mit dem Schöpfer und dem Universum. Einige armenische Tänze, wie „Ejmiatsin“ (der auf altem Sonnen-Anbetungs-Tanz beruht) und „Asdvacacna Bar“ („Mutter Gottes“, der Jungfrau Maria gewidmet) teilen einige der gleichen wechselnden Schrittmuster auf dem Boden (wie ein pulsierender Stern/Sonne). Die Intensität und Botschaft für Frieden, Harmonie und den Respekt voreinander und vor dem Universum waren ähnliche Themen.

Solche Tänze haben die Kraft zu harmonisieren, zu transformieren und das Selbst auf einer tieferen bewussten und spirituellen Ebene in Balance zu bringen. Die geteilte Erfahrung, sich miteinander und mit dem Universum zu verbinden (Gemeinschaft) beeinflusst die Umgebung, in der wir leben. Der Wert dieses gemeinsamen Rituals und die Bedeutung kann unsere Geisteshaltung und unser Bewusstsein, wer wir sind, verändern. Ich halte mich für gesegnet, dass ich mit einem reichen Erbe an armenischen Volksliedern und -tänzen aufgewachsen bin. Jahre des Tanzens, Auftretens und Forschens fachen weiterhin meine Leidenschaft an, die Weisheit zu entdecken und zu teilen, die diese Traditionen bieten.

In jedem Lied und Tanz gibt es etwas zu entdecken. Volkstänze (heilige und säkulare) sind von alters her bei uns bewahrt. Religiöse Bedeutungen überleben immer noch in Volkstänzen, beispielsweise im Besprenkeln mit Wasser oder Springen über ein Feuer. Ehrfurcht vor der Natur und den Elementen (z.B. „Nareh“), vor totemischen und mystischen Tieren und Vögeln („Lorgeh“, „Kochari“, „Msho Khr“) zeigen sich sowohl in Volksliedern als auch in Volkstänzen ebenso wie in lyrisch choreographierten Tänzen. Von jeher haben rituelle Kreistänze (schamanischen Ursprungs) Gemeinschaften zusammen gebracht, um Freude, Ermächtigung und Heilung zu erfahren und zu teilen. Meine Choreographien wurzeln in dieser alten Tradition und Weisheit, z.B. „Djermag Aghavni“ („Weiße Friedenstaube“), „Tzaghkatz Baleni“ („Der blühende Kirschbaum“), „Bar  Dzirani“ („Der Aprikosenbaum“), „Dou Im Yegheg“ („ Du, mein Ried“ ).

„Meditation des Tanzes“ hat mir so viel Energie und Inspiration verliehen, dass ich nach meiner Rückkehr meinen neuesten Tanz „Iriknain“ („Abendlicht“) choreographierte zu Khachatur Avetissians wunderschöner Komposition gleichen Namens. Dieser Tanz ist eine Einladung, den Sonnenuntergang ein zu lassen, das Licht des Abends, das Geheimnis des Lichtes, das Leben gibt.

Übersetzung Christina Wohlfahrt

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